Von der Konzern-Angestellten zum eigenen Blok*
Alice Martin hat in Zürich und Granada Politikwissenschaften und Religionswissenschaften studiert, mit Schwerpunkt internationale Beziehungen. Dann folgte ein Master in Management, Organisation und Kultur an der Universität St. Gallen. Nach einer bunten Phase als Hüttenwartin, im Theater und in der Strassenmusik landete sie im Nachhaltigkeitsmanagement bei Mammut, wo sie über fünf Jahre arbeitete. Es war eine lehrreiche, intensive Zeit. Und nebenbei war Alice ehrenamtlich einerseits als Boulderin im Einsatz, für eine Organisation, die Menschen mit Fluchthintergrund begleitet, und andererseits für Vitamin Berg, die Bergsport für Menschen mit körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen anbietet.
«Die Interaktion mit diesen Menschen war für mich extrem inspirierend. Das war immer ein Feld, in dem ich ganz viel selber mitnehmen und lernen konnte.»
Der Sport, der verbindet – und heilt
Bouldern ist kein Einzelkampf. Man spottet* sich gegenseitig, gibt Tipps, feuert sich an. Man scheitert – und versucht es nochmals. Man fällt dreimal am gleichen Griff, und beim vierten Mal geht es plötzlich. Dieser Sport hat etwas, das Alice schon immer faszinierte: Er ist lösungsfokussiert, kooperativ, und schafft schnelle, echte Erfolgserlebnisse.
Eine Studienreihe der Psychiatrischen Klinik des Uniklinikums Erlangen unter Leitung von Prof. Dr. Katharina Luttenberger, das Projekt «Klettern und Stimmung», zeigt in mehreren Studien mit Erwachsenen, dass sich Bouldern nachweislich positiv auf die psychische Gesundheit auswirkt, insbesondere bei Depressionen. Die Resultate sind so überzeugend, dass nun ein eigenes Jugendprogramm lanciert wurde: «BooSt – Boulder dich stark». Gleichzeitig las Alice Jonathan Haidt – Generation Angst und erkannte einmal mehr, dass Kinder im öffentlichen Raum überbehütet werden und im digitalen Raum oft völlig allein gelassen sind. Beides beeinträchtigt Risikokompetenz, Körperwahrnehmung und echte Begegnungen.
«Da ist ein Bedürfnis gewachsen, mich stärker zu engagieren.»
Eine Velotour, ein Mitgründer und ein Anruf
Im Jahr 2024 machte Alice eine längere Fahrradtour mit viel Zeit zum Denken. In dieser Zeit lernte sie Raffael Melliger kennen, Sozialarbeiter und damals Präsident des Vereins ReBolting. Mit ihm und ihrem Bruder Gian Thomas Martin gründete sie «Blokwelt» und noch bevor sie die Infrastruktur zusammen hatten, kam bereits ein erster Auftrag. Das MUV-Festival suchte eine mobile Boulderanlage für die World Climbing Series in Bern.
«Wir hatten die Infrastruktur damals noch nicht, aber wir dachten: Jetzt ist der Moment gekommen. Jetzt ist es Zeit, etwas zu wagen.»
In drei Monaten bauten sie die Anlage: 4,2 Meter hoch, zugänglich von drei Seiten, für jedes Alter und für Anfänger*innen bis Weltklasseathlet*innen wie Petra Klingler. Etwas in dieser Grösse und in dieser Bauweise existierte vorher nirgendwo.
Ein Treffpunkt, den die Gesellschaft braucht
Ein buntes Potpourri an Menschen trifft sich hier: Militärangehörige, Kinder, Frauen in High Heels (die dann in Socken bouldern), Anzüge neben Schulrucksäcken. Und eine Grossmutter, die probiert, was ihre Enkel noch nicht schaffen.
«Diese Orte sind rar und sie sind extrem wertvoll für eine demokratische Gesellschaft – Begegnungsräume mit Andersdenkenden, anders Aussehenden; Orte, wo man wieder neue Perspektiven gewinnt.»
Blokwelt hat drei Angebote:
- Der Rolling Blok geht an öffentliche Plätze und schafft Begegnungsräume.
- Das Bildungsprogramm Stark am Blok – in Zusammenarbeit mit der Universität Bern – richtet sich an Jugendliche zwischen 12 und 25 Jahren und arbeitet mit der Selbstbestimmungstheorie: «Kompetenz aufbauen, Autonomie spüren, sozial eingebunden sein».
- Und das dritte Feld, das sich gerade erst auftut, sind öffentlich zugängliche Outdoor-Boulderanlagen – fest installiert und sicher, für alle.
(Übrigens: Der Rolling Block ist von Anfang Mai bis November 2026 bereits ausgebucht – unter anderem am MUV Festival Bern am 23./24. Mai 2026.)
Die härteste Phase – und wie Alice damit umgegangen ist
Familiäre, berufliche und gesundheitliche Gründe führten dazu, dass zwei Gründungsmitglieder von Blokwelt vorübergehend für das Unternehmen wegbrachen und Alice in dieser Zeit die meisten Arbeiten selbständig stemmen musste.
«Da habe ich ein paar Mal hinterfragt, warum ich das je gestartet habe.»
Das Coaching bei be-advanced kam mit seinen wöchentliche Gesprächen gerade zur rechten Zeit. Der Coach war Alice ein wertvoller Sparringspartner, jemand der sagte: «Du bist auf gutem Weg». Gleichzeitig half die Unterstützung der Familie und Freunde und schliesslich das Angebot, an einem Forschungsprojekt zu künstlicher Intelligenz und Demokratie mitzuarbeiten. Das Doktorat, für das sie nun Teilzeit arbeitet, gibt ihr eine finanzielle Stabilität.
«Vielleicht war diese Zeit auch wichtig, weil ich auf der Suche war – nach Unterstützung und anderen Perspektiven – und jetzt habe ich zwei Welten und die gehen Hand in Hand.»
Was Alice heute anders machen würde
Alice empfiehlt, sich schnell bewusst zu machen, wo die eigenen Stärken liegen und was man besser abgibt – an Personen, die es gerne, besser und schneller können. Sie selber würde - könnte sie nochmals starten - die Buchhaltung von Anfang an extern geben.
Ihr Rat an Frauen im Kanton Bern
Das Muster ist bekannt. Frauen schauen auf eine Stellenausschreibung mit fünf Kriterien und denken: «Ich erfülle nicht alle fünf – ich bin vielleicht nicht geeignet.» Männer sehen zwei von fünf und bewerben sich. «Ich muss nicht von Anfang an alles Rüstzeug haben. Ich darf mir zutrauen, die fehlenden Kompetenzen on the go aufzubauen. Es gibt Anlaufstellen wie be-advanced, Freunde, Förderangebote, Impact Hubs... Niemand muss perfekt starten, sondern loslegen und schauen, was noch zu lernen ist und sich die Fähigkeiten dann aneignen.»
Ein Buch und eine Lebenshaltung
Die Grosszügigkeit der Felsenbirne von Robin Wall Kimmerer, einer Autorin mit indigenen Wurzeln wirft die Frage auf, wie das Leben wäre, wenn wir alles, was wir zum Leben haben – Nahrung, Wasser, Luft – als Geschenk begreifen würden.
Alice findet es spannend, Erfolg anders zu denken: Nicht als „mehr von etwas“ - sondern als Beitrag an eine intakte Natur, an Chancenzugang, Gesundheit und an gesellschaftlichen Zusammenhalt. Darauf fokussiert sie sich – auf Menschen, die zusammen kommen – und dadurch etwas verändern. Die Frage beschäftigt sie (auch ihm Rahmen ihres Doktorats) wie Wirtschaft dem Leben dienen kann – und nicht umgekehrt. Mit Blokwelt lebt sie ihre Antwort darauf.
Alice und be-advanced
Alice Martin wird im Rahmen des be-advanced KMU-Programms begleitet.
Bei be-advanced glauben wir an Unternehmer*innen wie Alice – Menschen, die mit Überzeugung handeln, sich nicht beirren lassen und Dinge schaffen, die vorher nicht existierten. In unserem KMU- und Startup-Programm begleiten wir sie mit Erfahrung, Vernetzung und massgeschneidertem Coaching.
Wenn dich unternehmerische Fragen beschäftigen – wir freuen uns, von dir zu hören.
➡️ Ich bin an einem Coaching bei be-advanced interessiert
«Es ist nicht der Umsatz, der mir sagt, ob ich erfolgreich bin. Es ist der Moment, wenn ich sehe: Da passiert etwas zwischen Menschen.» – Alice Martin
➡️ Mehr über Blokwelt erfahren
*Blok / Boulder – der Kletterfels oder die Kletterwand (ohne Seil, in Absprunghöhe)
*spotten – jemanden beim Fallen sichern, damit er sicher auf der Matte landet
