Fit im Kopf – stark im Job: Was braucht dein Gehirn?

Fit im Kopf – stark im Job: Was braucht dein Gehirn?

Wissen

Dein Gehirn ist ein Gewohnheitstier. Es wählt automatisch den Weg des geringsten Widerstands – nicht den gesündesten, nicht den effektivsten, sondern einfach den vertrautesten.

Genau deshalb lohnt es sich zu verstehen, wie dieses 1,4 Kilogramm schwere Organ wirklich funktioniert – und wie du es gezielt zu deinem Vorteil nutzen kannst.

Dr. Maria Brasser-Michel, Mitgründerin von Hirncoach, hat an der Uni Bern promoviert, ist Mutter von drei Kindern, Lehrerin und MPA (Medizinische Praxisassistentin) und jemand, die die Erkenntnisse aus dem Labor konsequent in die Praxis übersetzt. Sie hat beim be-smarter Webinar ihren Erfahrungsschatz aus Neurowissenschaft, Forschung und Unternehmensberatung geteilt. 

Das Gehirn, das komplexeste Gebilde auf dem Planeten

Maria startete das Webinar mit ein paar Grundfakten über unser Gehirn und die haben es in sich:

  • 100 Milliarden Neuronen umfasst unser Gehirn
  • 2% unseres Körpergewicht wiegt unser Gehirn
  • 20% unseres Sauerstoffs wird durch unser Gehirn beansprucht
  • 25% unserer gesamten Energieverbrauchs wird von unserem Gehirn verbraucht

Da es hauptsächlich aus Wasser besteht, nimmt bereits nach zwei Stunden ohne trinken die Gedächtnisleistung messbar ab. Noch eindrücklicher ist, dass jede einzelne Nervenzelle bis zu 1000 Verknüpfungen (Synapsen) haben kann, was insgesamt zu rund 100 Billionen Verbindungen führt. Eine unfassbare Zahl. Stell dir dazu den nächtlichen Sternenhimmel und die 50 Milliarden von der Erde aus beobachtbaren Galaxien vor. Es erstaunt nicht, dass das Gehirn erst mit etwa 25-30 Jahren vollständig entwickelt ist. Der präfrontale Kortex, der für Planung, Entscheidungen und das Nachdenken über sich selbst zuständig ist, reift zuletzt aus und bleibt uns leider auch am kürzesten erhalten. Im hohen Alter baut sich dieser Teil als Erstes wieder zurück. 
«Mit dem Hirntraining darf man gerne früh anfangen. Schon ab 30 lohnt es sich.»

Warum mentale Gesundheit Chefsache ist

Jede dritte Abwesenheit im Arbeitskontext hat psychische Ursachen. In der Schweiz entstehen dadurch jährlich Kosten von rund 6,5 Milliarden Franken – eine Zahl, die in den letzten zehn Jahren um 57% gestiegen ist und weiter steigt. 63% der KMU sind davon betroffen
→ siehe z.B. auch “Ausfälle aufgrund psychischer Erkrankungen nehmen zu

«Jeder Franken, der in die mentale Gesundheit investiert wird, kommt dem Unternehmen um das Vierfache zugute», sagt Maria. «Das Thema ist wirtschaftlich relevant!»

Leistung braucht Pausen

Ein zentrales Thema des Webinars war das Zusammenspiel zweier Gehirnnetzwerke:

  • Da ist einerseits das «Executive Attention Network» (Hirnregionen, die bewusstes Planen, Entscheiden und die Regulation von Emotionen ermöglichen), die uns fokussiert, analytisch und aufmerksam machen.
  • Andererseits gibt es das «Default Mode Network» (Hirnregionen, die beim Nichtstun aktiv werden), den sogenannten Traum-Modus. In diesem Zustand konsolidieren sich Informationen, entstehen neue Verknüpfungen und reifen Ideen. Typischerweise passiert das auf dem Nachhauseweg oder unter der Dusche.

Das ist kein Zufall, denn das Gehirn braucht diesen Wechsel, um gut arbeiten zu können. Wer also immer im Vollgasmodus bleibt, verliert nicht nur an Energie, sondern auch an Kreativität und Resilienz. Das Gehirn braucht richtige Pausen und das passive Scrollen durch Social Media gehört übrigens nicht dazu. Social Media aktiviert das Gehirn konstant und lässt es filtern und bewerten und nicht zur Ruhe kommen. Also lieber kurz aufstehen und bewegen oder aufschauen und etwas Nettes sagen und jemanden anlachen… 

Körper und Kopf sind keine getrennten Welten

Körper und Gehirn beeinflussen sich stark gegenseitig. Dazu führte Maria ein Beispiel an, das zunächst fast zu simpel klingt: Wenn die Mundwinkel nach oben gezogen werden, selbst wenn es von aussen erzwungen wird, verändert sich die Hirnaktivität. Positive Neurotransmitter wie Dopamin, Serotonin und Oxytocin werden ausgeschüttet. Und weil wir als Kinder im Schnitt noch 200x pro Tag lachen, als Erwachsene aber nur noch 2–5x, ist das ein Hebel, den wir konsequent unterschätzen.

«Ab 84 Jahren lachen Menschen wieder mehr», bemerkt Maria mit einem strahlenden Lächeln.

Neuroplastizität: Das Gehirn verändert sich

Was uns vielleicht am meisten Hoffnung geben sollte, ist die Tatsache, dass sich das Gehirn das ganze Leben lang anpassen kann. Wir lernen nicht durch starre Strukturen, sondern durch ein lebendiges Netzwerk, das sich durch tun, denken und fühlen ständig neu verdrahtet.
Jonglieren über sechs Wochen beispielsweise, lässt im Gehirn messbar neue Bereiche entstehen, Londoner Taxifahrer*innen, die den gesamten Stadtplan von London auswendig können, haben einen nachweislich grösseren Hippocampus und Personen, die ein Dankbarkeitstagebuch führen, verändern die Verbindung zwischen Präfrontalcortex und Emotionszentrum. Wer regelmässig Achtsamkeitspausen einbaut, hat ein anderes Gehirn als jemand, der das nicht tut.
Das alles ist keine Selbsthilfe-Rhetorik, sondern messbare Neurophysiologie, die sich auch in die andere Richtung zeigt: Wer täglich mehr als zwei Stunden am Handy scrollt, baut nachweislich Netzwerke zurück.

Digitalisierung und Informationsflut sind ein echtes Problem

Noch vor einer Generation verarbeiteten Menschen in einem ganzen Leben so viele Informationen wie wir heute in wenigen Wochen. Passives Scrollen mag sich nach Erholung anfühlen, das Gehirn ist dabei aber konstant beschäftigt und bekommt keinen richtigen Abschluss. Die Folge ist mentale Erschöpfung, auch wenn man das Gefühl hat, nur «ein bisschen» Zeit am Handy verbracht zu haben.
Sogar die blosse Anwesenheit eines Handys auf dem Tisch, führte in einer Studie zu einer Leistungseinbusse in Gedächtnisaufgaben von 18%. Man nennt das den Brain-Drain-Effekt.
→ siehe auch “Brain Drain: The Mere Presence of One’s Own Smartphone Reduces Available Cognitive Capacity"

Es lohnt sich, die eigene Arbeitsumgebung bewusst zu gestalten, um ein positives Umfeld zu generieren. Frage dich zum Beispiel: 

  • Wie viele Fenster sind gerade geöffnet?
  • Was liegt auf dem Schreibtisch?
  • Gibt es einen Blick auf etwas Schönes – eine Pflanze, einen Ausblick?

→ siehe auch: “8 Empfehlungen für einen hirngesunden Umgang mit KI

Was du ab heute beachten kannst

Maria schloss das Webinar mit einem klaren Appell: Es braucht keine Revolution. Es braucht konkrete Gewohnheiten, die man wirklich umsetzt. «Machen ist wie wollen – nur krasser.»

•    Trink regelmässig Wasser – schon leichte Dehydration beeinträchtigt das Denken messbar.
•    Steh öfter auf – «Sitzen ist das neue Rauchen» ist keine Übertreibung. Schon 5000 bis 6000 Schritte täglich machen einen messbaren Unterschied – es braucht keine 10 000.
•    Gönn dir echte Pausen – ohne Bildschirm. Zwei bis drei Minuten reichen, um dem Gehirn zu erlauben, auf Empfangsmodus zu schalten und neue Verknüpfungen entstehen zu lassen.
•    Atme bewusst aus –  Schon ein paar tiefe Ausatemzüge aktivieren den präfrontalen Kortex und holen dich aus dem reinen Alarmmodus heraus – hilfreich, bevor du in einer schwierigen Situation reagierst.
•    Nutze Habit Stacking (Verknüpfung neuer Gewohnheiten an bestehende Routinen) –   zum Beispiel nach jedem WC-Gang kurz im Stehen arbeiten oder beim Telefonieren nach draussen gehen.
•    Lach öfter – auch über dich selbst. Es aktiviert das ganze Gehirn auf einen Schlag.


Über Hirncoach
Das Hirncoach Business Programm ist ein wissenschaftlich fundiertes Trainingsprogramm für Mitarbeitende und Führungskräfte – mit dem Ziel, mentale Gesundheit, Resilienz, Fokus und Produktivität nachhaltig zu stärken. Es kombiniert digitale Inhalte und eine App mit Live-Kickoffs und monatlichen Video-Sessions.


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