Emily Thompsons Weg zur Unternehmerin – vom Labortisch in den Boardroom

Emily Thompsons Weg zur Unternehmerin – vom Labortisch in den Boardroom

Use-CaseInspiration

Biel BE – Emily Thompson kam für zwei Jahre in die Schweiz. Das war vor zehn Jahren. Was als Masterstudium in Biomedizintechnik begann, wurde zu einem Leben, einem Unternehmen und einer Mission, die die Art und Weise, wie Herzerkrankungen diagnostiziert werden, für immer verändern könnte.

(for original English version, click here)

Eine Unternehmerin mit Weitblick

«Wir sorgen dafür, dass Herzpatient*innen die richtige Versorgung zur richtigen Zeit erhalten.»
Emily Thompson ist CEO und Mitgründerin von Augury Medical, einem Medtech-Spinn-Off der Berner Fachhochschule. Ihre Software hilft Hausärzt*innen dabei zu erkennen, welche Patient*innen kardiologische Fachversorgung benötigen, wann sie diese brauchen und wohin sie überwiesen werden sollten - einfach im Konzept und aussergewöhnlich in der Wirkung.

Denn Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache weltweit. Und dennoch werden die meisten dieser Patient*innen nicht von Kardiolog*innen, sondern von Hausärzt*innen betreut – die oft nicht über die spezialisierten Werkzeuge verfügen, um komplexe Herzerkrankungen zu erkennen. Viele dieser Patient*innen werden nie an die richtige Fachstelle weitergeleitet. Genau dieses Problem geht Augury Medical effizient und praktikabel an.

Die unbeabsichtigte Gründerin

Emily hatte nicht immer geplant, Unternehmerin zu werden. Sie kam aus Kalifornien in die Schweiz, um zu studieren, blieb dann aber wegen der Jobmöglichkeiten und der Berge – ein fairer Tausch für den Ozean, den sie zurückliess – und forschte schliesslich an der BFH im Bereich Medizinprodukte.

Am Anfang stand nicht eine Idee, sondern eine Technologie. Das Forschungsteam an der BFH hatte über die Jahre unterschiedliche Aspekte von Kardiologiegeräten entwickelt und irgendwann erkannte es, dass da ein nahezu marktfertiges Produkt entstanden war. Mit Emily in der Führungsrolle wurde aus dem Forscherteam ein Unternehmerteam.

Ein Pivot, der die Richtung klärte

Ihr Produkt, hochtechnologische, hochspezialisierte Tools für Herzschrittmacher-Implantationen, richtete sich an Herzchirurg*innen. Während der Product-Market-Fit-Arbeit entdeckten Emily und ihr Team etwas Unbequemes: Bei den Herzchirurg*innen liess sich keine Kundschaft finden.

Nicht die Kardiolog*innen haben das grösste Problem. Es sind Hausärzt*innen ohne Spezialwerkzeuge und ohne spezialisiertes Fachwissen, die Patient*innen gegenübersitzen und deren Herzerkrankungen sie zu oft nicht erkennen.

Das Team legte eine einjährige Pause von allem Technologiebezogenen ein. Sie befragten Ärzt*innen, potentielle Kund*innen, und hörten vor allem einmal zu - und fingen dann von vorne an. «Nur weil die Technologie sehr cool ist, bedeutet das nicht, dass sie ein nützliches Produkt ist.»
Sobald sie den Markt wirklich verstanden hatten, entwickelte sich die Technologie fast von selbst. Die Nutzerbedürfnisse machten den Weg nach vorne offensichtlich.

Was die Lösung von Augury Medical macht

Die Lösung von Augury Medical ist vollständig softwarebasiert. Eine Hausärztin oder ein Hausarzt gibt das Patient*innenprofil ein – Symptome, Krankengeschichte, Testergebnisse, Blutbild – und die Software vergleicht diese Informationen automatisch mit den kardiologischen Leitlinien. Dann kann es eine klare Empfehlung liefern, welche Versorgung diese Person benötigt und wohin sie gegebenenfalls überwiesen werden sollte.

Der System-Check kann automatisch im Hintergrund laufen oder manuell für einzelne Patient*innen aktiviert werden. Kein Spezialwissen ist erforderlich und auch kein zusätzliches Gerät. Die Lösung liefert bessere und schnellere Entscheidungen.
Eine kommerzielle Version ist für den Sommer 2026 geplant. Die vollständige Medizin-Produktversion – die klinische Studien zum Nachweis von Sicherheit und Wirksamkeit als Klasse-2-Medizin-Produkt erfordert – soll bis 2028 auf dem Markt sein. Der primäre Zielmarkt ist zunächst die USA, ein Land mit grossem Bedarf, das Emily gut kennt.

Die grösste Herausforderung? Die Rückerstattungen

Fragt man Emily nach ihrer grössten Herausforderung, nennt sie nicht etwa die komplexen Regulierungen. 
Krankenkassen dazu zu bringen, für ein Medizinprodukt zu zahlen, ist eine der undurchsichtigsten, fragmentiertesten und schwierigsten Aufgaben in der Medtech-Welt – und kaum jemand bereitet einen darauf vor. Es steht weder in den Lehrbüchern, noch kann man sich mit Google oder KI zu Antworten durchkämpfen.
«Es ist eine sehr verschwiegene Welt, in die man nur über andere Menschen eintauchen kann.» Da halfen beispielsweise Begegnungen mit Fachleuten an Branchenevents, die die Zusammenhänge erklären konnten. Das menschliche Netzwerk erwies sich einmal mehr als die wertvollste Ressource von allen.

Die Schweiz als Sprungbrett

Emily kam für zwei Jahre in die Schweiz. Sie fand etwas, das sie nicht erwartet hatte: eines der unterstützendsten Frühphasen-Start-up-Ökosysteme der Welt.
«Alle sagten mir, dass Finanzierung so schwierig sei. Und das stimmt. Aber ich war sehr angenehm überrascht, wie viel Finanzierung für Frühphasen-Start-ups in der Schweiz zugänglich ist.»
Die Anbindung an die Hochschule half enorm – Zugang zu Infrastruktur, Stipendien, Studierenden und professionellen Netzwerken, was dem Team ermöglichte, schlank zu bleiben, sorgfältig zu wirtschaften und nicht zu schnell zu wachsen. Denn, wie Emily es formuliert: «Ein Start-up ist ein Marathon. Wer zum Sprint ansetzt, verbrennt nur das Geld.»

Der doppelte Vorteil einer doppelten Kultur

In den USA aufzuwachsen gab Emily etwas, das ihre Schweizer Mitgründer*innen nicht immer hatten: eine natürliche Leichtigkeit im Umgang mit der Idee, ein Unternehmen aufzubauen, zu pitchen und zu verkaufen. Gleichzeitig gab die Einbettung ins Schweizer Startup-Ökosystem dem Unternehmen etwas, das US-Startups oft fehlt: Präzision, technische Sorgfalt und eine Resistenz gegenüber der Versuchung, einfach grosse Zahlen in die Welt zu schreien.
Die Kombination, glaubt sie, ist ein echter Vorteil – besonders da sie sich darauf vorbereiten, zuerst den US-Markt anzugehen.

Über Selbstvertrauen, Pitchen und “fake it until you make it”

Nach ihrem Rat gefragt an Frauen im Kanton Bern, die ein Unternehmen gründen möchten, muss Emily nicht lange überlegen: «Einfach machen. Es gibt keinen Grund, Angst zu haben oder sich einschüchtern zu lassen. Wenn du eine gute Idee hast, dann mach es einfach.»
Als Frau war sie in ihrem Umfeld schon immer in der Minderheit – erst im Ingenieurswesen, dann im Business. Es hat sie nicht aufgehalten. Und sie findet, es sollte niemanden aufhalten. «Denk nicht daran, dass du als Frau in einem Raum voller Männer mit Investitionsgeld stehst. Hab einfach Vertrauen in dich selbst und in deine Ideen.»
Und wenn das Selbstvertrauen noch nicht da ist? Fake it till you make it. Die ersten Pitches sind immer die nervenaufreibendsten. Aber backstage bei einem Pitching-Event, hat Emily beobachtet, ist jede*r nervös, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Erfahrung. Selbstvertrauen geht mit Übung einher.

Was Erfolg heute schon bedeutet

Emily hat eine klare Sicht auf Erfolg – eine, die nicht auf den Exit oder den Börsengang wartet. «Ich betrachte uns bereits als sehr erfolgreich, so weit gekommen zu sein, wie wir sind», sagt sie. Vier Jahre sind sie nun unterwegs - ein Produkt-Pivot, der das Team hätte brechen können, es aber stattdessen geschärft hat. Eine Umbenennung, ein neuer Marktfokus, ein kommerzieller Launch am Horizont und eine Medizinproduktversion in Entwicklung. Und nebenbei: ein reicheres Berufsleben, als sie es sich je vorgestellt hatte, neue Fähigkeiten, neue Netzwerke, neue Denkweisen.
Der Traum? Auf dem Markt sein. Profitabel sein. Ein stabiles, etabliertes Team haben. Und wenn ein grösserer Medtech-Player kommt und das Unternehmen auf die nächste Stufe bringen möchte – das würde sie auch nicht ablehnen.


Emily und be-advanced

Emily Thompson wird im Rahmen des be-advanced Start-up-Programms begleitet. Als sie einstieg, stand Augury Medical beim Thema Product-Market-Fit noch am Anfang. Ihr be-advanced-Coach – mit tiefer Erfahrung in Medtech und Pharma – half dabei, die Kund*inneninterviews zu strukturieren, die richtigen Gesprächspartner*innen zu finden und die richtigen Fragen zu stellen. Da Ärzt*innen oft nur 15 Minuten Zeit hatten, machte diese Vorbereitung den entscheidenden Unterschied.

Bei be-advanced glauben wir an Unternehmer*innen wie Emily – Menschen, die mit Überzeugung handeln, sich mit Mut anpassen und weitermachen, wenn andere aufgeben würden. In unserem KMU- und Startup-Programm begleiten wir sie mit Erfahrung, Vernetzung und massgeschneidertem Coaching auf jedem Schritt des Weges.
Wenn dich Fragen rund um Product-Market-Fit, Wachstumsstrategie oder die Weiterentwicklung deiner Idee beschäftigen, freuen wir uns, von dir zu hören!
➡️  Ich bin an einem Coaching bei be-advanced interessiert


«Ich betrachte uns bereits als sehr erfolgreich, so weit wie wir schon gekommen sind.»  Emily Thompson
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