Deine Zukunft ist kein Zufall

Deine Zukunft ist kein Zufall

Wissen

Was habt ihr vor Augen, wenn ihr an die Zukunft denkt? Welche Farbe, welchen Geruch?

Diese Einstiegsfrage stellte Florian Knapp von Studio Knapp – selbständiger Zukunftscoach und langjähriger Kommunikationsprofi – den Teilnehmer*innen des jüngsten be-smarter Webinars. Die Antworten aus dem Chat reichten von Dunkelblau über Meeresbrisen bis hin zu frisch geschnittenem Holz. Und genau das war der Punkt: Es gibt immer mehrere mögliche Zukünfte.

Zukünfte – im Plural denken

In der Zukunftsforschung spricht man bewusst von Zukünften, nicht von der Zukunft. Das Modell des Futures Cone macht das anschaulich. Je weiter wir uns in der Zeit vorwärtsbewegen, desto breiter öffnet sich der Trichter – und desto mehr mögliche Entwicklungen tun sich auf. Es gibt wahrscheinliche Zukünfte, plausible, bloss mögliche, wünschenswerte – und solche, die wir unbedingt vermeiden möchten. Weder blinder Optimismus noch lähmender Pessimismus hilft dabei weiter und auch Hoffnung oder blindes Vertrauen, dass es schon gut kommt, sind letztlich passive Haltungen. Sie geben Verantwortung ab, statt Gestaltungsmacht zu aktivieren. Utopische oder dystopische Bilder können zwar Denkprozesse anstossen, taugen aber nicht als Grundlage für konkrete Zukunftsarbeit. Sie sind zu weit weg von der heutigen Realität, aus der heraus Zukunft entsteht.

Florian plädiert stattdessen für den Possibilismus – die «Welthaltung des Möglichen», die der schwedische Arzt und Zukunftsforscher Hans Rosling geprägt hat. Es zeigt auf, wie man in Möglichkeiten denken kann, ohne naiv zu sein. Er empfiehlt ein Wegkommen von Wertungen und Ankommen bei Gestaltungsfragen.

«Unsere Zukunft entsteht nicht einfach. Sie entsteht, indem wir sie selber anpacken und gestalten.»

Warum wir in die Vergangenheit schauen, um vorwärtszukommen

Wer Zukunft gestalten will, muss verstehen, wie Gegenwart entstanden ist. Florian zeigte das am Beispiel des Musikkonsums– vom Grammophon über den Walkman und den iPod bis hin zum heutigen Streaming. Jeder technologische Sprung hatte Vorläufer, also schwache Signale, die sich verdichtet haben. Diese Perspektive hilft, ein Gespür dafür zu entwickeln, wie sich Dinge verändern – ohne zu glauben, man könne daraus die Zukunft einfach ableiten. Denn auch das ist ein zentrales Prinzip: Vergangenheit und Gegenwart lassen sich nicht linear in die Zukunft verlängern. 

Der Historiker Andreas Rödder sagt, er habe gelernt, keine Prognosen abzugeben, die auf einer Fortschreibung der jüngsten Gegenwart beruhen.
Und doch ist manchmal, was wir heute als undenkbare Zukunft betrachten, morgen Gegenwart. Ein schöne Verbildlichung dieser Thematik findet sich bei der amerikanischen Künstlerin Alicia Eggert mit ihrer Neon-Skulptur «This Present Moment Used to Be the Unimaginable Future».

Zukunftsarbeit bewegt sich in drei Feldern:

  • Futures Studies (wissenschaftliche Untersuchungen)
  • Futures Foresight (Tools und Frameworks in der Praxis)
  • Futures Thinking (Mindset und Denkprozesse). 

Spannend wird es dort, wo sich Methode und Kreativität überlappen – im Sweet Spot zwischen evidenzbasiertem Wissen und Out-of-the-Box-Denken. Im Zentrum steht dabei immer der Mensch. Matthias Horx bringt es in «15 ½ Regeln für die Zukunft» auf den Punkt: 

«Die Welt kann nicht neu werden, wenn wir uns nicht selbst erneuern.»

Ein Blick in die Werkstatt: Die Methoden

Florian arbeitet mit einem Prozess in drei Phasen – Zukünfte explorieren, erleben und aktivieren – und stellte dazu sieben konkrete Methoden vor, die unter anderen in der Zukunftsarbeit zum Einsatz kommen können:
Look Back to Look Forward – Historische Entwicklungen entlang der Kategorien Social, Technological, Economic, Environmental und Political (STEEP) nachvollziehen, um ein Gespür für Entwicklungsbögen zu gewinnen.
Flip the Facts – Bekannte Fakten ins Gegenteil verkehren und dann Gründe sammeln, warum dieses Gegenteil eintreten könnte. Beispiel: «Niemand schaut mehr, wenn ich mit Earpods auf der Strasse unterwegs bin» wird zu «Unterwegs Earpods in den Ohren zu haben, ist total verpönt.» Plötzlich findet man überraschend viele Argumente, die dafür sprechen könnten (besonders gut als Einstieg geeignet).
Horizon Scanning – Schwache Signale sichten und verdichten: frühe, oft unscheinbare Hinweise auf mögliche Veränderungen, die heute noch wenig verbreitet und häufig mehrdeutig sind. Ein Signal ist noch kein Trend – aber ein möglicher Vorbote davon.
Futures Triangle – Schub der Gegenwart (Treiber des Wandels), Gewicht der Vergangenheit (Hindernisse, Strukturen, Vorbehalte) und Sog der Zukunft (wünschenswerte und zu vermeidende Szenarien) sichtbar machen, um zu verstehen, welche Kräfte wirken und wo man ansetzen kann.
Futures Cone Canvas – Gesammelte Fundstücke nach Wahrscheinlichkeit und Wünschbarkeit einordnen und auf einer Zeitachse verorten – als strukturierte Grundlage für die Szenarioentwicklung.
Scenario Mindmap – Einzelne Szenarien genauer untersuchen: Welche Stakeholder sind betroffen? Welchen Nutzen generieren wir für sie? Welche Hypothesen lassen sich ableiten, welche Herausforderungen müssen auf dem Weg dorthin gelöst werden?
Backcasting – Vom gewünschten Zukunftsszenario rückwärts denken: Was muss bis 2037 passiert sein, in der eigenen Organisation, im Umfeld, in der Welt, damit das Zielbild 2040 erreichbar ist?
(Webinar-Slides → Visualisierungen zu den Modellen finden sich auf den Seiten 23-41)

Der Mensch bleibt im Mittelpunkt

So wichtig Methoden und Daten sind – Zukunftsarbeit ist zuallererst Menschenarbeit. Transformation gelingt nur dort, wo Menschen die Haltung mitbringen, sich auf Veränderung einzulassen. Das nennt Florian “Future Readiness” und meint damit nicht eine Charaktereigenschaft, sondern etwas, auf das man sich einlässt und erlernen kann. Wer innerlich bereit ist, kann auch seine Organisation, sein Team oder sein Projekt vorwärtsbringen. 

Praxisbeispiel: Wirtschafts- und Kaderschule KV Bern – «Tage der Weitsicht»
Die WKS KV Bern, eine Berufsschule und Weiterbildungsinstitution, begleitete Florian Knapp bei der Entwicklung neuer Bildungsangebote. Unter dem Titel «Tage der Weitsicht» arbeiteten vom 18. November bis 2. Dezember 2025 rund 200 Personen aus allen Funktionsbereichen in Workshops zusammen: Lehrpersonen, Dozierende, Verwaltung, externe Fachpersonen – und natürlich auch Lernende selbst.
In fünf Workshop-Tagen entstanden nicht nur zwei, sondern gleich drei neue Bildungsangebote – darunter eines, das Berufsbildung und Weiterbildung erstmals kombiniert. Daneben formulierte die Gruppe fünf Bildungsleitsätze, die wiederkehrende Themen festhalten: den Umgang mit KI, die veränderte Rolle von Lehrpersonen, den Wert der Realitätsvernetzung und das Spannungsfeld analog–digital. Ergänzt wurde das Ergebnis durch einen Lern- und Lehrkompass, der strategische Schwerpunkte für die gesamte Organisation sichtbar macht.

Für welche Fragestellungen eignet sich Zukunftsarbeit?

Florian nennt drei mögliche Felder:
Orientierung: Wie können wir Herausforderungen sortieren, Fokus setzen und priorisieren?
Kultur: Wie machen wir unsere Mitarbeitenden zu Mitdenkenden – und Mitverantwortlichen?
Entwicklung: Welche künftigen Angebote könnten wir mit unserem bestehenden Wissen und Können entwickeln?

Letztlich ist Zukunftsarbeit aber auf eine Vielzahl von Entwicklungsfragen anwendbar, für die das Vorgehen individuell entwickelt wird. 

Fazit: Konkret statt visionär

Mit den richtigen Methoden, einem guten Prozessdesign und dem konsequenten Einbezug von Menschen entstehen handfeste Bilder und konkrete Roadmaps – keine nebulösen Visionen, sondern strategische Eckpunkte, mit denen sich arbeiten lässt.

«Die Zukunft wagen, denn schon bald ist sie Gegenwart!» — Takashi Sugimoto, The Philanthropist


Florian Knapp ist Inhaber von Studio Knapp – Zukünfte & Kommunikation
Das nächstes be-smarter Webinar findest du auf unserer Homepage unter Events.